Vasektomie = Sterilisation beim Mann
Hinweis: Im Vasektomie-Forum von SchmerzLOS e.V. sind weitere Informationen und viele Erfahrungsberichte zu finden. Auch laden wir alle vom Post-Vasektomie Schmerzsyndrom betroffenen Männer ein, dort ebenfalls von ihrem Schicksal zu berichten, oder auch einfach nur Fragen zu stellen.In der medizinischen Fachsprache wird die Sterilisation beim Mann (Durchtrennen und Veröden/Abbinden der Samenleiter) als Vasektomie bezeichnet. Durch diesen Eingriff wird der Mann zeugungsunfähig und übernimmt auf diese Weise die Empfängnisverhütung.
Die Vasektomie wird häufig als kleiner und unproblematischer Eingriff beworben. Es gibt jedoch auch sehr viele Quellen, die darauf hinweisen, dass bis zu 30 % der sterilisierten Männer nach dem Eingriff unter längerfristigen Schmerzen im Hodensack leiden; bei 1 % bis 5 % aller sterilisierten Männer (die Häufigkeit variiert je nach Studie; einzelne Studienergebnisse weisen auch höhere Werte als 5 % aus) setzen sich diese Schmerzen schließlich chronisch (= sehr lang andauernd) fest und werden dann als Post-Vasektomie Schmerzsyndrom (englisch: post vasectomy pain syndrome) bezeichnet. Beispiele für solche Quellen sind:
- Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) weist auf ihrer Webseite ausführlich auf das Post-Vasektomie Schmerzsyndrom hin (auf der Webseite im oberen Bereich auf "Mögliche Komplikationen" klicken). Auszug (Stand 02/2018):
Neben unerwarteten seelischen Problemen mit der Unfruchtbarkeit finden sich unter den möglichen Spätfolgen einer Vasektomie auch chronische Schmerzen im Bereich der Hoden. In manchen Fällen verstärken sie sich bei sexueller Aktivität und können die Lebensqualität erheblich einschränken. Wie häufig dieses sogenannte Post-Vasektomie-Schmerzsyndrom auftritt, ist noch nicht ausreichend erforscht. Die Angaben dazu, wie viele Männer sich deswegen in ärztliche Behandlung begeben, schwanken zwischen einem und 14 Prozent.
Die Ursachen für die Schmerzen sind bisher nicht genau bekannt. Vieles deutet darauf hin, dass bei den betroffenen Männern der Druckausgleich in den Hoden nur unzureichend funktioniert. Zudem können bei der Operation Nerven beschädigt worden sein. Unter Umständen wird eine erneute Operation notwendig etwa eine gezielte Rekanalisierung, die Entfernung der Nebenhoden oder der Samenstrangnerven.
Männer mit einer früheren Leistenoperation, mit bereits bestehenden Problemen im Bereich der Lendenwirbelsäule und/oder gelegentlichem Ziehen im Hodenbereich sollten dies im Beratungsgespräch vor einer Vasektomie unbedingt mitteilen. Das gilt auch für alle anderen Arten von chronischen Schmerzen. - Der Deutsche Urologenverband weist auf seiner Webseite unter der Überschrift "Nebenwirkungen und Folgen der Vasektomie" auf das Post-Vasektomie Schmerzsyndrom hin. Der Urologenverband spricht im Zusammenhang mit der Häufigkeit des Post-Vasektomie Schmerzsyndroms von "sehr selten" (= weniger als 1 Behandelter von 10.000), was unserer Kenntnis nach eindeutig falsch ist. Noch 2013 war auf der gleichen Webseite folgender Passus zu finden: "Die Information dieser gelegentlich beobachteten Operationsfolge sollte Bestandteil eines Aufklärungsgespräches vor [der] Vasektomie sein". Die Häufigkeitsangabe "gelegentlich" (= 1 bis 10 Behandelte von 1.000) trifft nach den uns vorliegenden Informationen die tatsächlichen Gegebenheiten wesentlich besser; aber selbst diese Angabe ist eher noch zu niedrig. Wir vermuten, dass der Passus mit der Häufigkeitsangabe "gelegentlich" aufgrund des Drucks von Verbandsmitgliedern, die ein finanzielles Interesse an der Vasektomie haben, wieder vom Tisch genommen wurde.
- Die Techniker Krankenkasse macht auf ihrer Webseite unter der Überschrift "Was oft verschwiegen wird: Schmerzen danach" ebenfalls auf das Post-Vasektomie Schmerzsyndrom aufmerksam.
- In der Schweiz gibt es einen ausführlichen Blog des Schriftstellers Dominik Riedo zum Thema "Vasektomie", der eindringlich vor dem Post-Vasektomie Schmerzsyndrom und weiteren möglichen Komplikationen bei diesem Eingriff warnt.
- In den USA gibt es ein großes Diskussions-Forum mit tausenden Beiträgen von Männern, die vom Post-Vasektomie Schmerzsyndrom betroffen sind.
- Anthony Ellis, ein Arzt aus den USA, ist selbst vom Post-Vasektomie Schmerzsyndrom betroffen und hat umfangreiche Veröffentlichungen dazu ins Internet gestellt. Unter anderem: Pain after Vasectomy; eine deutsche Übersetzung finden Sie hier. Unter seiner Mitarbeit entstand auch der Artikel Post-Vasectomy Pain Syndrome: Common but Hidden (Post-Vasektomie Schmerzsyndrom: Verbreitet aber verborgen).
- Prof. Dr. med. Walter Rhomberg, INER Kongress 2011: Prof. Dr. Rhomberg weist in einem Vortrag über Vasektomie (der Link verweist auf ein achtseitiges PDF-Dokument) ausführlich auf mögliche Nebenwirkungen und Komplikationen der Vasektomie hin (Seite 5 ff. - sehr lesenswert!), u.a. auch auf das Post-Vasektomie Schmerzsyndrom (Seite 6).
- S. Tandon and E. Sabanegh, Cleveland Clinic, USA: Chronic pain after vasectomy: a diagnostic and treatment dilemma (Chronische Schmerzen nach einer Vasektomie: Ein Diagnose- und Behandlungs-Dilemma). Hinweis: Der Link verweist auf ein vierseitiges PDF-Dokument. Weiterhin ist der Artikel auch hier zu finden.
- C. Christiansen and J. Sandlow, University of Iowa Department of Urology, USA: Testicular Pain Following Vasectomy: A Review of Postvasectomy Pain Syndrome (Hodenschmerzen, die auf eine Vasektomie folgen: Ein Überblick über das Post-Vasektomie Schmerzsyndrom).
- Im Bereich der englischsprachigen Literatur stehen auch mehrere Bücher zur Verfügung, die sich mit dem Problem des Post-Vasektomie Schmerzsyndroms und seinen enormen Auswirkungen auf die Betroffenen beschäftigen. Hier ein Beispiel: "Vasectomy - The Cruelest Cut of All. The Modern Medical Nightmare of Post-Vasectomy Pain Syndrome" ("Übersetzt: Vasektomie - Der grausamste Schnitt von allen. Der moderne medizinische Alptraum des Post-Vasektomie Schmerzsyndroms"). ISBN:
Verschiedene Autoren weisen zudem darauf hin, dass die Post-Vasektomie Schmerzen auch erst Jahre nach der Vasektomie erstmals auftreten, sich dann aber trotzdem chronisch festsetzen können.
Die Schmerzursachen sind bis heute nicht vollständig geklärt. Folgende mögliche Schmerzursachen werden von den Autoren angegeben:
- Der durch die Vasektomie entstehende Rückstau in den Nebenhoden (testikulare Rückdruck): Die Hoden produzieren zumindest in der ersten Zeit nach der Vasektomie weiterhin Spermien in unveränderter Anzahl, für die jetzt jedoch der Ausgang verschlossen ist. Hierdurch stauen sich die Spermien in den Nebenhoden und bauen dort einen Überdruck auf, der die Nebenhoden irreparabel schädigen und zu einer chronischen Nebenhodenentzündung (Epididymitis) führen kann.
- Eine durch die Vasektomie verursachte sekundäre Fibrose.
- Eine chronische Entzündung im Bereich des Hodensacks, verursacht durch die Konfrontation des körpereigenen Immunsystems mit Spermien. Normalerweise besteht eine strikte Trennung zwischen Blut und Spermien, da das körpereigene Immunsystem ausgereifte Spermien als Fremdkörper betrachtet und diese angreifen würde. Diese strikte Trennung wird durch die Vasektomie aufgehoben. Die Zusammenführung von Blut und Spermien kann hierbei auf mehreren Wegen geschehen, zum Beispiel aufgrund des Spermienüberdrucks nach der Vasektomie durch Risse im Bindegewebe des Nebenhodens oder im abgebundenen hodenseitig gelegenen Samenleiterende. Hierdurch wird eine Immunantwort ausgelöst, die sich gegen körpereigenes Gewebe richtet, was zu einer chronischen Entzündung führen kann. Verschiedene Quellen weisen zudem darauf hin, dass es möglicherweise auch zu weitergehenden autoimmunologischen Komplikationen kommen kann, in deren Folge sich zum Beispiel rheumatische Beschwerden oder auch eine Demenz (PDF-Dokument, siehe Seite 7 oben) ausbilden können.
- Spermagranulome, ebenfalls als Ergebnis der Zusammenführung von Blut und Spermien. Spermagranulome entstehen nach der Vasektomie des Öfteren durch nicht vollständig verschlossene Samenleiter, unter anderem verursacht durch den oben bereits angesprochenen Spermienüberdruck nach der Vasektomie (das abgebundene Ende des hodenseitigen Samenleiters reißt hierdurch auf).
- Nervenschädigungen. Diese können sowohl im Operationsgebiet durch die Vasektomie selbst als auch in der Zeit nach der Vasektomie durch eine oder mehrere der obigen Faktoren verursacht werden. Durch Nervenschädigungen verursachte Schmerzen werden als "neuropathische Schmerzen" bezeichnet. Anzumerken ist hierbei, dass Nervenschädigungen selbst zu einer Entzündung der betroffenen Nervenstrukturen führen können.
- Im Zusammenhang mit möglichen Schmerzursachen möchten wir noch auf einen interessanten Beitrag im Forum hinweisen: Vasektomie - ist Problemlosigkeit denn überhaupt zu erwarten?
Da eine erfolgreiche Behandlung der Post-Vasektomie Schmerzen sehr schwierig ist, irren die betroffenen Männer oft jahrelang von Arzt zu Arzt, ohne wirkliche Hilfe zu erfahren und sind in ihrer Lebensqualität und Sexualität häufig erheblich beeinträchtigt. Oft scheitern sämtliche (auch operative) Behandlungsversuche, was bedeutet, dass die betroffenen Männer für ihr restliches Leben mit den teils erheblichen Schmerzen konfrontiert sind und nur versuchen können, diese durch lebenslange Medikamenteneinnahme zu lindern.
Ergänzend hierzu die Anmerkungen einer Amerikanerin zum Post-Vasektomie Schmerzsyndrom, die in kurzer Form die Situation sehr treffend beschreibt: ... Please consider all the research before deciding on vasectomy for your birth control choice. I certainly had no idea daily pain was even a remote possibility for my husband. The pain, and all that went with it, nearly destroyed our relationship. Thank God a skilled surgeon was able to restore what the vasectomist did...but we were the lucky ones. Thousands are still in pain daily, with no relief in sight. Are you willing to risk this for yourself or the person you love most in the world? I challenge you to read the data Kevin [Buchautor] has gathered, and any other information you can find. Then make an informed decision
Quelle: http://www.buybooksontheweb.com/product.aspx?ISBN=0-7414-1800-2
Des weiteren sind chronische Schmerzen nur eine der möglichen Komplikationen bzw. Nebenwirkungen bei der Sterilisation des Mannes. So berichten zum Beispiel einige Männer auch von einem deutlich beeinträchtigten Orgasmus-Empfinden oder einer geringeren Libido nach der Vasektomie. Darüber hinaus hat Lorelei Mucci von der Harvard School of Public Health in Boston in einer Studie einen signifikanten Zusammenhang zwischen Vasektomien und besonders aggressiven Prostatakarzinomen festgestellt.
Die Selbsthilfegruppe "Vasektomie-geschädigte Männer" will deshalb ...
- betroffenen Männern vermitteln: "Du bist nicht alleine mit Deinem Problem; es gibt viele andere, die das gleiche Problem haben, wie Du".
- über das Vasektomie-Forum von SchmerzLOS e.V. einen Austausch zwischen den Betroffenen ermöglichen, auch nach dem Motto
"(mit-) geteiltes Leid ist halbes Leid". Darüber hinaus können sich Betroffene im Forum über sogenannte "private Nachrichten" auch direkt miteinander in Verbindung setzen, ohne dabei aus ihrer Anonymität heraustreten zu müssen. - versuchen, dazu beizutragen, dass sich Vasektomie-geschädigte Männer trotz des Tabu-Themenbereichs "Sexualität" vermehrt trauen, von ihren Vasektomie-Problemen zu berichten und sich von den Ärzten nicht einfach in das "Psycho-Eck" abschieben lassen (wobei wir nicht in Abrede stellen wollen, dass Psychotherapie helfen kann, mit chronischen Schmerzen besser umzugehen).
- Männer, die darüber nachdenken, eine Vasektomie durchführen zu lassen, auf die Risiken des Eingriffs aufmerksam machen; denn häufig weist der Arzt in der Patientenaufklärung vor der Vasektomie nur sehr versteckt auf das Post-Vasektomie Schmerzsyndrom hin. Hier ein Beispiel aus einem Patientenaufklärungsbogen:
"Mögliche Komplikationen: In0 bis 5 % der Fälle Schmerzen in der Leistengegend, die meist innerhalb des ersten Jahres auftreten."
Die Formulierung im Patientenaufklärungsbogen ist oft so geschickt gewählt, dass dem Patienten die ganze Tragweite desPost- Vasektomie Schmerzsyndroms (möglicherweise lebenslange chronische Schmerzen) überhaupt nicht bewußt wird, der Arzt aber trotzdem bezüglich späterer Haftungsansprüche wegen mangelhafter Aufklärung rechtlich abgesichert ist. - auch auf die aus unserer Sicht sehr wichtigen Ausschlusskriterien hinweisen, also Kriterien, die beschreiben, in welchen Fällen eine Vasektomie NICHT durchgeführt werden sollte.
Ganz wichtig: Falls Sie vor der beabsichtigten Vasektomie bereits unter chronischen Schmerzen leiden (egal welcher Art), sollten Sie die Vasektomie auf keinen Fall durchführen lassen! Eine ausführliche Begründung finden Sie hier (Beitrag von Uwe, ganz unten).
In den Fällen, wo ausschließlich entweder die Sterilisation beim Mann oder bei der Partnerin als wirklich einzige mögliche Verhütungsvarianten in Frage kommen, hat die Vasektomie ihre Berechtigung. In allen anderen Fällen sollte sich der Mann den Risiken der Vasektomie nur nach reiflichster Überlegung aussetzen. Hierzu gehört auch, sich vor dem Eingriff selbst ausführlich über die Vasektomie zu informieren und nicht nur auf die Aussagen der Ärzte zu vertrauen (diese verdienen sehr gut an der Vasektomie, die ja privat bezahlt werden muss, und haben dementsprechend auch ein finanzielles Interesse an der Durchführung). Dabei kann Ihnen auch das oben genannten Diskussions-Forum von SchmerzLOS e.V. helfen: Hier finden Sie umfangreiche Informationen zu den möglichen Komplikationen und Nebenwirkungen bei der Vasektomie und viele Hinweise auf weitere externe Quellen zum Thema.